Hochspannung in der Werkstatt

Mittlerweile hat sich der MAN TGM als E-Verteiler im Kundenversuch bewährt, eine Kleinserie von 50 Exemplaren wird ab Mitte des Jahres kaufbar sein. Die MAN-Werkstätten müssen sich aufvöllig neue Wartungs- und Serviceleistungen bei eTrucks einstellen.

Beispiel für sinnvollen Einsatz des MAN eTGM als dreiachsiges Wechselbrücken-Fahrzeug: Zehn-Fuß-Micro-Hub für die Paketverteilung mit Rytle-E-Bike. Bild: R. Domina
Beispiel für sinnvollen Einsatz des MAN eTGM als dreiachsiges Wechselbrücken-Fahrzeug: Zehn-Fuß-Micro-Hub für die Paketverteilung mit Rytle-E-Bike. Bild: R. Domina
Redaktion (allg.)

Am Beispiel eTGM 6x2, einem von neun Kunden-Versuchsfahrzeugen, und des eTGE, dem 3,5-Tonner Transporter, zeigte die Aftersales Mannschaft von MAN Truck & Bus, was in Zukunft auf die Werkstätten zukommt. Es ist eine andere Welt. In der herrscht im wahrsten Sinne des Wortes Hochspannung: Die Batterie-Packs, die die ersten MAN-eNutzfahrzeuge antreiben, liefern 800 Volt Gleichspannung. Das ist ein Spannungsbereich, mit dem man als Mechaniker nicht direkt in Kontakt kommen sollte. Das kann tödlich enden oder wenigstens mit schwersten Verletzungen. Nur gut, dass Kabel in der Fahrzeugtechnik, die mehr als 60 Volt Spannung führen, in auffälligem orange ummantelt sind.

Das gilt natürlich auch für Sets an Prüfleitungen, die die Werkstatt in Zukunft quasi als Spezialwerkzeug vorhalten muss. Damit niemand direkt an Hochspannungsbuchsen eine Prüfspitze hinhalten muss, gibt es spezielle Adapter-Sätze, die den gefahrlosen, sauber isolierten Zugang zu dieser oder jener Leitung gewährleisten. In den Koffern finden sich auch Hochspannungs-Schutzhandschuhe aus Gummi, die auch 1.000 Volt nicht durchschlagen, dazu gibt es Helme mit Schutzvisier. Fast schon gruselig mutet der Rettungsstab an: geformt wie ein überdimensionaler Bischofs-Stab, gefertigt aus hoch isolierendem Kunststoff. Damit kann ein Helfer den Mechaniker, der schon im Stromkreislauf festhängt, aus der Gefahrenzone ziehen, ohne sich selbst zu gefährden. Der kurze Blick ins Reich der Elektro-Spezialwerkzeuge zeigt: Auf die Werkstätten kommen völlig neue Anforderungen hinzu. Oder haben sie – außer bei drohenden Virus-Wellen – schon einmal etwas von „Quarantänezonen“ gehört? Das sind ein oder mehrere Stellplätze auf dem Werkstattgelände, auf die E-Trucks abgestellt werden können, wenn etwas mit der Batterie oder der ganzen Antriebsperipherie nicht in Ordnung ist.

Nur zertifiziertes Personal

Unter dem Stichwort „HV-Sensibilisierung“ (HV steht hier für „Hochvolt“) kümmert sich die betriebliche Weiterbildung um die E-Kompetenz der Mechaniker. MAN hat für seine hauseigenen Akademien zum Beispiel in München oder am Standort Salzgitter eigene Lehrpläne eingeführt, die die Mechaniker in mehreren Stufen zu Elektro-Experten weiterbilden. Nur dieses speziell zertifizierte Personal darf überhaupt am E-Truck arbeiten. Der Wandel hin zum E-Nutzfahrzeug habe zudem weitreichende Folgen auch für die Wartungs- und Service-Ertrags-Situation. Ein E-Nutzfahrzeug dürfte rund 20 Prozent günstiger im Overall-Wartungsgeschehen sein, so die MAN-Experten. Zwar gäbe es nach wie vor Verschleißteile wie Brems-Komponenten oder Fahrwerks-Aufhängung. Am Antriebsstrang selbst sei jedoch deutlich weniger Wartungsaufwand als beim Verbrenner zu erwarten. Um auf jeden Fall „auf der sicheren Seite“ zu sein und auch, um Erfahrungen zu sammeln, will MAN die Service-Intervalle zeitlich ähnlich denen der Verbrenner gestalten. Das gleiche gilt für eMobility-Service-Verträge, die dem Kunden kalkulierbare Kosten und Uptime ermöglichen.

Leitfäden für den Notfall

Wie weit gedacht werden muss, zeigt auch die Bereitstellung von Rettungsleitfäden für Feuerwehren: In kompletten Kompendien wird anhand übersichtlicher Grafiken erklärt, wo bei einem eTGE oder TGM zum Beispiel der Rettungsspreizer angesetzt werden darf und wo nicht. Welche Löschmittel sind überhaupt erlaubt? Wie löscht man einen brennenden E-Truck? In jüngster Vergangenheit zeigten Havarien von Tesla-Modellen bekanntlich, wie problematisch der Umgang mit einem E-Wrack und seine Entsorgung sein kann. Sich auch hierüber Gedanken zu machen und Lösungen zu finden, gehört laut MAN Aftersales zum Pflichtprogramm.Und lässt sich ein MAN eTGM in Praxis sinnvoll einsetzen? Beispiel: als dreiachsiges Wechselbrücken-Fahrzeug: mit Zehn-Fuß-„Micro-Hub“ für die Paketverteilung mit dem Rytle-E-Bike. Neun Rytle-Boxen passen in einen Micro-Hub. Die Reichweite des eTGM liegt bei rund 180 Kilometern – abhängig von Beladung und Topographie. Der Ladevorgang mit Wechselstrom und maximal 44 kW dauert sechs Stunden, mit Gleichstrom und 150 kW Ladeleistung sind die Batterien in gut einer Stunde wieder voll.Robert Domina

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