Elektromobilität: Logistik treibt Ladeinfrastruktur

Die Mobilitätswende erfordert hunderttausende Ladepunkte in ganz Deutschland. Flächen für die Elektrifizierung sind knapp, doch Logistikzentren können Abhilfe schaffen. In wenigen Jahren dürften hierbei ungewöhnliche On-Demand-Services entlang der Autobahnen entstehen.

Redaktion (allg.)

Klimabewegung, Dieselskandale und Technologiefortschritte haben der Elektromobilität weltweit einen Schub versetzt. Die Mobilitätswende ist dringend notwendig, um CO2-Emissionen zu reduzieren. Gesellschaft und Wirtschaft, aber vor allem jeder einzelne sollten diese Entwicklung unterstützen und ihr Augenmerk auf mehr Nachhaltigkeit richten. Der Weg zur Green Economy ist schließlich nicht nur ein Trend, sondern eine individuelle Verantwortung. In Europa fördern staatliche Kaufprämien den Wandel und immer mehr Personen entscheiden sich für den Kauf von Elektro- und Hybridfahrzeugen. Der Anteil der E-Fahrzeuge am gesamten Automobilsektor ist zwar noch gering, technologische Innovationen starten jedoch immer zuerst langsam, bis sie an einem bestimmten Wendepunkt sprunghaft Marktanteile gewinnen. Das klassische Auto ersetzte beispielsweise die Pferdekutschen in den westlichen Industrienationen zuerst allmählich und ab Mitte des 20. Jahrhunderts abrupt. Dieser Wendepunkt für die Elektrofahrzeuge könnte in diesem Jahr liegen.

Ein Indikator für den Kipppunkt ist der Geschäftserfolg von Marktführer Tesla. Während das Unternehmen 2019 kurz vor der Insolvenz stand, verkaufte der E-Autobauer ein Jahr später 360.000 Fahrzeuge des Model 3 und erreicht heute das Vielfache seines damaligen Börsenwerts. Prognosen der Marktforscher von IHS Markit bestätigen die Entwicklung und gehen von einem Anstieg der Verkäufe von Elektrofahrzeugen um 70 Prozent in diesem Jahr aus.

Zukunft fährt elektrisch

Auch für die Logistik gerät der Einsatz von Elektrofahrzeugen zunehmend ins Blickfeld. Denn aufgrund des Pariser Klimaabkommens planen immer mehr europäische Städte Verbrennerfahrverbote in naher Zukunft. Die meisten Transporter der Kurier-, Express- und Paketdienste fahren mit Dieselmotoren und dürften von den Logistikzentren an den Stadträndern somit bald nicht mehr die urbanen Zielorte ansteuern. So sollen bis 2023 alle spanischen Städte mit mehr als 50.000 Einwohner den Verkehr besonders klimaschädlicher Fahrzeuge in bestimmten Zonen verbieten. Paris will ab 2024 ein komplettes Dieselfahrverbot erlassen und Norwegen plant als erste Nation ein landesweites Verbot bis 2025.

Noch ist das Angebot an Elektro-Nutzfahrzeugen für die Logistik überschaubar, wächst aber rapide. Anders als häufig behauptet, schließen sich schwere Nutzfahrzeuge und E-Mobilität nicht mehr aus, insbesondere weil Autobauer die Leistungsfähigkeit der Lithium-Ionen-Batterien und Elektromotoren erheblich verbessern konnten. Die Deutsche Post will dementsprechend bis 2030 den Anteil der E-Fahrzeugflotte auf der letzten Meile von weltweit 18 auf 60 Prozent steigern und Tesla hat die Serienproduktion und Auslieferung seines E-Lkw Semi für dieses Jahr angesetzt. Jeff Bezos, Geschäftsführer von Amazon, kündigte für seinen Onlineversandhandel sogar die „nachhaltigste Transportflotte der Welt“ an. Der Onlinehändler untermauerte die Aussage mit der Bestellung von 100.000 elektrischen Lieferwagen beim Start-up Rivian Automotive.

Das aktuelle Ladesäulenregister des BDEW verzeichnet über 33.000 öffentliche Ladepunkte, davon ist jeder zehnte ein Schnelllader. Knapp 20 Prozent davon sind allein in der zweiten Hälfte 2020 entstanden. Die Errichtung einer landesweiten Schnellladeinfrastruktur erfordert jedoch mehrere hunderttausend Ladepunkte und tausende Stationen in der Größe von Tankstellen. Die Tankstellen allein können die notwendige Ladeinfrastruktur für die Mobilitätswende aber nicht in ausreichendem Umfang bereitstellen. Auch können die Betreiber ihre Anlagen nicht einfach umrüsten, denn die Mehrzahl der Fahrzeuge wird auch mittelfristig mit fossilen Brennstoffen betrieben. Ladesäulen bei Supermärkten, Hotels oder Bahnhaltestellen decken die rapide ansteigende Nachfrage in wenigen Jahren ebenfalls nicht. Das entscheidende Nadelöhr der Elektrifizierung sind dabei nicht technische Ausrüstung oder Ressourcen, sondern der Flächenmangel.

Wo die zu elektrifizierenden Lastwagen und Transporter ein- und ausfahren, gibt es jedoch Platz: in den Logistikimmobilien. Auf dem Gelände gibt es Parkflächen, die Raum für Ladesäulen bieten, außerdem befinden sich die Immobilien in Ballungsgebieten oder verkehrstechnischen Knotenpunkten mit praktischer Anbindung an die Autobahnen. Durch den zunehmenden Marktanteil des Onlinehandels verzeichnet die Nachfrage an Logistik- und Lagerimmobilien hohe Wachstumsraten. Die Investitionen erreichen immer neue Höchststände, bis 2030 liegt der jährliche Neubauflächenbedarf bei rund sieben Millionen Quadratmetern. Berücksichtigen Projektverantwortliche bei der Konzeption dieser Logistikstandorte verschiedene Lösungen für die Elektromobilität, könnten sich die Logistikunternehmen als ein wichtiger Treiber der Ladeinfrastruktur etablieren. Der Eigentümer und Entwickler von Logistikimmobilien P3 Logistic Parks setzt diese Pläne bereits um. Beispielsweise für das Logistikzentrum in Ansbach bei Nürnberg, das über E-Ladestationen auf dem Pkw-Parkplatz verfügen wird.

Ausgeklügelt planen

Ladepunkte allein reichen für die E-Infrastruktur der Zukunft jedoch nicht aus, insbesondere das Aufladen großer Batterien für Trucks erfordert eine ausgeklügelte Neuplanung der Gebäude und angrenzenden Infrastruktur. Batterien für Lkw und KEP-Fahrzeuge müssen sich bereits während des Be- und Entladens an den Toren ans Netz anschließen lassen, um Ausfallzeiten zu verringern. Logistikzentren der Zukunft könnten außerdem elektrische Fahrzeuge aller Art mit Strom versorgen, das gilt für 40-Tonnen-Fahrzeuge ebenso wie für Sprinter und E-Bikes.

Logistikimmobilien mit E-Infrastruktur erleichtern nicht zuletzt ihren Mietern, zahlreichen Unternehmen in Industrie und Handel, den Einstieg in die Elektromobilität. Besonders profitieren Standorte mit vielen Beschäftigten, die Elektrofahrzeuge einsetzen, wie beispielsweise Onlinehändler oder Logistik- und Postunternehmen. DHL hat bereits mehrere tausend Ladepunkte an Logistik-Standorten in Deutschland installiert. Der Paketdienst rüstet hierfür bestehende Logistikzentren nach und plant neue Standorte mit einer integrierten Infrastruktur für strombetriebene Fahrzeuge.

Die elektrischen Lieferautos stoßen zwar keine Emissionen auf der letzten Meile in den Städten aus. Ob die Antriebe tatsächlich CO2-neutral fahren, hängt aber von der Art des Stroms an den Ladesäulen ab. Logistikgebäude setzen deswegen immer häufiger großflächige Photovoltaikanlagen auf ihren Dächern ein. Auch eigene Windkraftanlagen könnten bald zur Ausstattung gehören. Betreiber würden die Möglichkeiten haben, die grünen Stromquellen zu einem parkweiten Mikronetz zu kombinieren, das alle Mieter mit erneuerbarer Energie versorgt, einschließlich der Bereitstellung von Schnellladestationen für gewerbliche Fahrzeuge. Der von diesem Mikronetz erzeugte Strom könnte für eine Onsite-EV-Servicestation verwendet werden, an der private Nutzer ihre Fahrzeuge gegen Bezahlung aufladen.

Solarstrom in den Tank

Amazon installierte bereits auf den Dächern von 50 seiner weltweiten Fulfillment-Zentren Solaranlagen, darunter eine 80.000 Quadratmeter umspannende Installation in Colorado, USA. Insgesamt erzeugen diese Energiesysteme 98 Megawatt Energie pro Jahr, die Sattelzug-Zugmaschine Tesla Semi könnte damit bei voller Beladung mit 36 Tonnen und einer Geschwindigkeit von 100 km/h einmal die Erde umrunden. Ein weiteres Beispiel ist Nike. Der Sportartikelhersteller eröffnete 2019 ein 1,5 Millionen Quadratmeter großes Distributionszentrum in Ham, Belgien, und betreibt dieses vollständig mit Wind-, Solar-, Erdwärme-, Wasserkraft- und Biomasse-Energie.

Bieten Logistikimmobilien im Sinne einer Energy as a Service-Fähigkeit (EaaS) grünen Strom für alle Elektrofahrzeuge, würde für die Betreiber ein neues Geschäftsmodell entstehen. Die Betreiber unterstützen so die dezentrale Energieversorgung mit grünem Strom, unmittelbar dort, wo Nutzer den Bedarf nachfragen. Hochinnovative Gewerbeimmobilienunternehmen könnten ihren Mietern nicht nur Energie für elektrische Fahrzeuge bereitstellen, sondern ihnen auch den Zugang zu diesen Fahrzeugen ermöglichen. Ein neues Geschäftsmodell, bei dem Unternehmen als On-Demand-Service nicht nur den Raum für Lagerhaltung, Kommissionierung und Distribution von Waren anbieten, sondern auch nachhaltigen Strom und E-Fahrzeuge. Logistikimmobilien können auf diese Weise die Transformation zu einer nachhaltigen Mobilität mitgestalten.

Sönke Kewitz, Geschäftsführer P3 Logistic Parks Deutschland

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