Elektromobilität: Aus Diesel mach Elektro

Die Firma Orten Electric-Trucks gilt als Pionier mit großer Expertise in Sachen Umbau von gebrauchten Lkw zu E-Trucks. Geschäftsführer Robert Orten erklärt die Vorteile des Umrüstens und sieht darin durchaus ein Modell mit Zukunft.

Orten rüstet unter anderem auch leichte Verteiler-Lkw um. Fotos: Orten; R. Domina
Orten rüstet unter anderem auch leichte Verteiler-Lkw um. Fotos: Orten; R. Domina
Robert Domina

Herr Orten, wie hat sich das Geschäft in den Segmenten 3,5 bis 18 Tonnen Gesamtgewicht bis zur Corona-Krise entwickelt?

Robert Orten: Das Ziel von Orten Electric-Trucks, ein Full-Range-Anbieter für die Umrüstung dieselbetriebener Nutzfahrzeuge vom 3,5 bis 26 Tonnen zGM Truck zu werden, haben wir nach 5 Jahren erreicht. Wir verfügen zwischenzeitlich in jeder Tonnage über zufriedene Kunden, die von uns umgerüstete E-Trucks einsetzen. Der Schwerpunkt von uns liegt - und dies wird auch die Zukunft sein – im Angebot von emissionsfreien, elektrisch betriebenen Nutzfahrzeugen für die City-Logistik und den Nahverkehr. Die Umrüstung vorhandener, gebrauchter, dieselbetriebener Lkw und die Umrüstung neuer Lkw und Transporter halten sich die Waage. Der Umbau eines gebrauchten Lkw auf 100-prozentigen E-Antrieb ist auch zukünftig sinnvoll, weil hierdurch aus einem Verbrenner-Lkw ein zu 100 Prozent elektrisch betriebenes Nutzfahrzeug wird. Insbesondere bei Nutzfahrzeugen mit aufwendiger Aufbautechnik, die in Innenstädten eingesetzt werden wie beispielsweise hydraulische Müllpressen, Hubbühnen, Aufbauten oder Kühlfahrzeuge mit Kühlaggregat und Ladebordwand, halten wir dieses Retrofit oder Repowering für zukunftsweisend.

Seit 2019 bieten sie auch Elektro-Neufahrzeuge auf Basis der GAZ-Transporter an – bevorzugt mit kundenspezifischen Aufbauten wie Müllsammler oder Hubbühne und andere spezielle Anwendungen. Wie lässt sich dieser neue Geschäftszweig an?

Ja, wir nutzen unsere mehrjährige Erfahrung mit Elektro-Trucks und bieten einen eigenen E-Transporter ab sofort am Markt an. Gemeinsam mit unserem Partner EFA-S haben wir einen zu 100 Prozent elektrisch betriebenen Lkw auf Transporter-Basis entwickelt, der sich als Fahrgestell für jeden maßgeschneiderten Aufbau hervorragend eignet. Das E-35 Gazellen-Fahrgestell bietet mit immerhin 2.000 Kilogramm eine sehr beachtliche Nutzlast und kann mit einem Gesamtgewicht von 4.250 Kilogramm mit dem B-Führerschein gefahren werden. Mit seinem großen Batteriepaket von 80 kWh und seinem leistungsstarken Synchron E-Motor mit 110 kW ist die E35-Gazelle ein sehr attraktives Elektro-Nutzfahrzeug, welches zirka 200 Kilometer Reichweite erreicht. In dieser Formation gibt es derzeit kein vergleichbares E-Transporter-Fahrgestell. Die Einsatzbereiche sind Kommunen oder Kühllogistiker, Handwerker, Gartenbauer und der E35 D Gazellen Doppelkabiner mit sieben Sitzplätzen ist für jedes Bau- und Baunebengewerk das ideale Fahrzeug. Wir versprechen uns einen großen Markterfolg.

Die 3,5-Tonner-Transporter sind auf eine Reichweite von rund 200 Kilometer und eine Nutzlast von rund einer Tonne ausgelegt. Orten kann aber auch nach eigenen Angaben weit mehr Batteriekapazität verbauen. Werden Aktionsradien jenseits der 200 Kilometer häufig nachgefragt? Und was steckt hinter ihrem Batteriekonzept mit Lithium- Eisenphosphat-Batterien mit keramischen Separatoren?

Wir bieten unsere 4,25-Tonnen-EGazelle grundsätzlich nur mit dem großen E-Batteriepaket von 80 kWh und dem EMotor mit 110 kW an. Bei der Elektrifizierung von MB Sprinter Fahrgestellen oder E VW Crafter Fahrgestellen bieten wir ein sogenanntes kleines Batteriepaket an mit 58 kWh für 100 bis 120 Kilometer Reichweite oder 87 kWh für zirka 200 Kilometer Reichweite. Bei der Auslegung ist die gewünschte Nutzlast je nach Aufbautyp und Fahrstrecke wichtiges Kriterium. Daher ist unsere Expertise als erfahrener Aufbauhersteller für den Kunden von Vorteil. Die von uns eingesetzte Batterietechnologie verwendet ausschließlich LFP-Zellen, also die bewährte Lithium-Eisenphosphat-Technik. Diese gilt als eigensicher! Ein thermisches Durchgehen und eine Membranschmelzung kann bei dieser Batterie-Technologie nicht erfolgen. Es ist wichtig darauf hinzuweisen, dass die von uns verwendeten Batterien frei von Kobalt und Nickel sind. In mehr als sechs Jahren hatten wir noch nie einen Störvorfall mit den Batterien.

Sie arbeiten bei den E-Transportern und Lkw antriebstechnisch eng mit dem Stuttgarter E-Anbieter EFA-S zusammen. Sehen Sie trotz immer leistungsfähigerer Batterien die Notwendigkeit für einen Übergang zur Brennstoffzellen-Technik im schweren Bereich?

Die enge, nahezu traditionelle Zusammenarbeit mit der EFA-S bietet uns und unseren Kunden viele Vorteile. Wir bündeln unseren Komponentenbedarf und ergänzen uns in der technologischen Weiterentwicklung. Das Thema Brennstoffzelleneinsatz wird bereits in Form eines begonnenen Pilotprojektes von EFA-S in Angriff genommen. Beide Unternehmen entwickeln sich gemeinsam ständig weiter. Die Wasserstoff-Brennstoffzellen-Technologie eignet sich, wie Ihre Frage auch zum Ausdruck bringt, für Lkw, beziehungsweise Last- und Sattelzüge oberhalb von 26 Tonnen zGM oder wenn Reichweiten von mehr als 250 Kilometer benötigt werden.

Ketzerische Nachfrage: Wenn die Brennstoffzellen- Technik auf Brennstoff-Basis Wasserstoff funktioniert und gleichzeitig die Versorgung mit Wasserstoff-Tankstellen zufriedenstellend ist: Wird die Brennstoffzelle dann nicht ganz schnell die Batterie als Energiespeicher verdrängen?

Die Frage hat absolut ihre Berechtigung. Unsere Meinung, wie bereits zum Ausdruck gebracht: Solo-Lkw bis maximal 26 Tonnen zGM und Reichweiten bis circa 250 Kilometer werden auch in absehbarer Zukunft batterieelektrisch angetrieben eine mehr als berechtigte Chance haben! Die von Ihnen als Prämisse unterstellte H2- Versorgung muss erst mal in den nächsten Jahren mit grünem Wasserstoff geschaffen werden! Die E-Mobilität etabliert sich für Nutzfahrzeuge, wobei gerade das Thema Brennstoffzelle mit Wasserstoffspeicher zuerst noch am Markt eingeführt werden muss. Die Brennstoffzellentechnologie mit Wasserstoffspeicher wird derzeit zu Recht gepuscht, aber nach meiner Meinung werden diesbezüglich vor Mitte dieses Jahrzehnts keine nennenswerten Zulassungszahlen zu verzeichnen sein. In einem Punkt haben Sie absolut Recht, dass wir uns hierum kümmern sollen und das werden wir auch tun.

Bei der gegebenen Geschwindigkeit in der Entwicklung und Umsetzung von E- Antrieben: Finden Sie eigentlich genug qualifiziertes Personal für Montage und Wartung von Hochvolt-Antrieben?

Das ist in der Tat eine der anspruchsvolleren Aufgaben. Ich bin stolz und dankbar, dass wir hier in den vergangenen fünf Jahren ein erfolgreiches Team zusammenstellen konnten, das auch den Spirit und die Leidenschaft mitbringt, diese zukunftsweisende E-Technologie einzubauen.

Wenn sie die nächsten zehn Jahre in die Zukunft blicken: Wie lange sehen sie einen Markt für das Umrüstungsgeschäft Diesel zu E-Transporter/-Lkw? Oder wird sich Orten Electric-Trucks über kurz oder lang zum Neufahrzeug-Anbieter wandeln müssen?

Betrachten Sie nur den Bereich Müllabfuhr. Hier sind aufwendige Aufbau-Systeme mit Spezial-Niederflur Lkw-Fahrgestellen im Einsatz. Da macht auch die Umrüstung in einigen Jahren noch Sinn, wenn die Stadt für das gleiche Budget die doppelte Anzahl von Fahrzeugen elektrifizieren kann. Es gibt nach der Umrüstung keine verschleißanfälligen und wartungsintensiven Antriebsaggregate mehr. Oder im Segment der Omnibusse oder City-Sightseeing-Busse für den Nahverkehr. All die neu angeschafften Busse der vergangenen Jahre werden gewiss nicht alle durch neue E-Busse ersetzt werden können. Hier sehen wir für mindestens die nächsten fünf Jahre gute Potentiale für Repowering. Jedes vom Dieselantrieb auf E-Antrieb umgerüstete gebrauchte Nutzfahrzeug taucht ja dann nicht mehr in Osteuropa oder Afrika als emissionsträchtiges Fahrzeug auf! Das hilft dem Gedanken der Kreislaufwirtschaft. Oder die zigtausend schwer verkäuflichen älteren Nutzfahrzeuge emissionsfrei umzurüsten anstatt sie als Diesel in die Nachbarländer zu verschieben, halte ich für eine außerordentlich sinnvolle Aufgabe. Unser Slogan „feel the change. and make the world a little bit better“ ist ein gutes Leitmotiv und eine Richtschnur für unser zukünftiges Handeln. Natürlich wird unser Angebot an neuen elektrisch betriebenen Nutzfahrzeugen in der Zukunft ausgeweitet werden.

Stichwort Finanzierung und Förderung bei E-Nutzfahrzeugen: Reichen die aktuellen Fördermaßnahmen aus?

Auf diesem Gebiet gibt es leider viele Irritationen und Halbwissen. Nur die wenigsten wissen, dass die Anschaffung eines neuen, 100-prozentigen E-Trucks bis 7,5 Tonnen zGM mit 50 Prozent Sonder- AfA und elf Prozent regulärer AfA abgeschrieben werden kann. Somit sind bereits 61Prozent der Netto-Anschaffungskosten in trockenen Tüchern. Das schafft schon einen außerordentlichen Anreiz, ein solches Fahrzeug zu erwerben. Ohne Förderung und Anreizsysteme wird die Anschaffung von Elektronutzfahrzeugen, die rein wirtschaftlichen Kriterien unterworfen sind, natürlich erschwert. Ich behaupte, ohne die langjährige Förderung der Photovoltaik und der Windkraft gäbe es heute diese grüne Technologie nicht. Ich hoffe daher, dass die politisch Verantwortlichen die Verbreitung von Elektronutzfahrzeugen als Wende und Aufbruch in eine emissionsfreie Belieferung von urbanen Räumen verstärkt fördern werden!

Der Artikel erschien in der 2020er Ausgabe des Magazins VISION Transport.

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