Elektromobilität: Ein zweites umweltfreundliches Leben

Andreas Haller, geschäftsführender Gesellschafter der Haller GmbH & Co. KG und Gründer der neuen E-Mobilitäts-Gesellschaft Quantron AG, erklärt, warum es sinnvoll ist, einen gebrauchten Diesel-Lkw zu elektrifizieren.

Foto: Quantron AG
Foto: Quantron AG
Redaktion (allg.)

Herr Haller, seit Juli 2019 sind Sie neben Ihrer Tätigkeit als geschäftsführender Gesellschafter der Haller GmbH & Co. KG auch Vorstand der von Ihnen neu gegründeten Quantron AG. Wie vereinbaren Sie das miteinander?

Andreas Haller: In beiden Unternehmen arbeiten motivierte und sehr gute Mitarbeiter, die das Tagesgeschäft hervorragend abwickeln. Somit kann ich mich auf die wesentlichen Bereiche meiner Funktionen als Geschäftsführer und Vorstand konzentrieren

Vor welchem Hintergrund haben Sie die Quantron AG gegründet?

Nachhaltigkeit und Umweltschutz sind aller Munde. Die Fahrzeugbranche ist im Wandel. Die Entwicklungen betreffen natürlich auch die Nutzfahrzeuge. Für die Langstrecke werden in den nächsten Jahren bei den Lkw zwar vorerst noch die klassischen Antriebe Bestand haben. Aber beim innerstädtischen und regionalen Lastverkehr sieht das anders aus. Mit der Quantron AG treiben wir aktiv den emissionsfreien Lastverkehr voran. Und das nicht nur auf Augsburg begrenzt, sondern europaweit. Ein weiteres großes Feld sind die kommunalen Betriebe, für die wir zum Beispiel mit unserem E-Müllfahrzeug eine praxistaugliche Lösung bieten.

Welche strategischen und operativen Zusammenhänge gibt es zwischen Haller GmbH und Quantron AG?

Haller Nutzfahrzeuge verfügt über eine umfangreiche Infrastruktur in den Bereichen Service, Reparatur und Wartung von Nutzfahrzeugen und Bussen. Nach der Elektrifizierung ihrer Nutzfahrzeuge werden auch die Kunden der Quantron AG von uns umfassend betreut. Hier greifen wir dann zum Teil auf die vorhandenen Ressourcen und die große Erfahrung der Haller GmbH & Co.KG im Nutzfahrzeug-Business zurück.

Was sind die Tätigkeitsfelder und Ziele der neuen Gesellschaft?

Egal, ob E-Mobility, E-Engineering oder E-Battery, „Find your e-solution“ ist unser Angebot an unsere Kunden. Im Bereich E-Mobility ist es unser Ziel, die Elektrifizierung von Nutzfahrzeugen und Bussen stark voranzutreiben. Wir haben die praxistaugliche Technik schon jetzt. Unser Pionier unter den E-Lkw (18 Tonnen) fährt bereits seit 2012 im täglichen Lieferverkehr einer Brauerei. In Summe gesehen haben unsere E-Fahrzeuge bereits 1,8 Millionen Kilometer in der Praxis zurückgelegt. Sollte ein Kunde hingegen eine individuelle Lösung zur Elektrifizierung eines Fahrzeugs benötigen, bieten wir dies mit unseren E-Engineering-Leistungen an. Im Bereich E-Battery wiederum entwickeln wir individuelle Batteriekonzepte und -lösungen.

Was genau bieten Sie Ihren Kunden mit der Quantron AG an?

Wir geben gebrauchten Nutzfahrzeugen ein zweites, umweltfreundliches Leben. Zwar können wir auch Neufahrzeuge mit E-Antrieb anbieten, aber unser Fokus liegt klar auf der Elektrifizierung von Nutzfahrzeugen und Bussen nach unserem Nachhaltigkeitskonzept „Remanufacturing“. Das bedeutet, wir nehmen Bestands- oder Gebrauchtfahrzeuge, also bereits bestehende Ressourcen. Diesen Fahrzeugen wird der Antriebsstrang (Motor, Getriebe, Abgasanlage) entnommen und an den Hersteller zurückgeschickt. Anschließend bereiten wir sie innen und außen komplett auf. Zum Schluss erfolgt der Einbau des Elektrosystems mit Motor, Leistungselektronik und Batterien.

Ist das denn so unkompliziert, ein Nutzfahrzeug auf Elektroantrieb umzurüsten?

In der Theorie könnte man sagen, normaler Antrieb raus und Elektroantrieb rein. Aber die Praxis zeigt, dass sehr viele Arbeitsschritte notwendig sind, um aus einem gebrauchten Diesel-Lkw einen „neuen“ ELkw zu machen. Zusätzlich müssen natürlich entsprechende Sicherheitsmaßnahmen eingehalten werden. Die erforderlichen TÜV-Abnahmen bilden dann den Abschluss. Überdies müssen die Mainboardsysteme neu programmiert werden.

Und die Umrüstungen erfolgen in den Haller- Werkstätten?

Gilt das Angebot für alle Fahrzeugklassen und -hersteller oder sind Sie auf spezielle Fahrzeugtypen fokussiert?

Die Voraussetzungen bei den Kunden sind immer verschieden. Daher bieten wir eine große Bandbreite an E-Mobilitätslösungen für deren Fuhrpark von 7,5 bis 44 Tonnen an. Sollte es ein Spezialfall sein, kann unser E-Engineering gemeinsam mit dem Kunden eine Lösung entwickeln.

Und die Umrüstungen erfolgen in den Haller- Werkstätten?

Aktuell nutzen wir die bestehende Infrastruktur. Aber um der große Nachfrage gerecht zu werden, entsteht gerade ein neuer Produktionsstandort. Wie bei der Haller Nutzfahrzeuge haben wir uns dabei bewusst für die Region Augsburg entschieden.

Welche Faustregel würden Sie hinsichtlich der Rentabilität eines solchen Umrüstungsprojektes aufstellen; wann lohnt sie beziehungsweise wann lohnt sie nicht mehr?

Die Umstellung beziehungsweise Umrüstung eines Fuhrparks auf E-Fahrzeuge ist ein sehr beratungsintensives Unterfangen und macht auch nicht immer bei jedem Kunden Sinn. Wir fokussieren uns klar auf den innerstädtischen und regionalen Lastverkehr sowie auf kommunale Betriebe und analysieren dann im Vorfeld gemeinsam mit dem Kunden die individuellen Gegebenheiten: vorhandene Infrastruktur, Art der Fahrzeuge sowie die täglichen Fahrprofile mit benötigter Reichweite, Streckenprofil, Ladung und eventuellen Möglichkeiten zur Zwischenladung. Auch die Steuer- und Mautbefreiung der E-Fahrzeuge wird berücksichtigt. Hinzu kommen noch die staatlichen Förderungen für die Elektrifizierung, die je nach Bundesland unterschiedlich sind. Somit sind häufig die höheren Anschaffungskosten eines umgerüsteten E-Lkw im Vergleich zum normalen Diesel-Lkw, kein gravierendes Thema mehr.

Arbeiten Sie mit bestimmten Akku-Herstellern zusammen?

Unser Batterie-Partner ist ecovolta aus der Schweiz. Er ist momentan führend in der Batterietechnik für Antriebssysteme.

Wie viel Zeit müssen die Kunden für ein Umrüstungsprojekt ungefähr kalkulieren?

Das hängt auch wiederum von den individuellen Gegebenheiten ab, etwa ob das Fahrzeug in einem guten Zustand ist oder ob vor der Umrüstung eine intensivere Aufbereitung des Fahrzeugs erfolgen muss. Wenn alles optimal ist müssen insgesamt etwa vier bis sechs Wochen kalkuliert werden.

Welches Marktpotenzial sehen Sie für das spezielle Lösungsangebot?

Das Marktpotential ist sehr groß und steigt stetig an. Es drohen immer häufiger Fahrverbote, was die Handwerksbetriebe und Speditionen besonders auf der „letzten Meile“ vor große Probleme stellt. Aber auch der öffentliche Nahverkehr und kommunale Betriebe müssen reagieren. Und genau hier setzen wir an und bieten nachhaltige und wirtschaftliche E-Mobilitätslösungen. Wir unterstützen unsere Kunden bei der Installation der Ladeinfrastruktur, schulen die Fahrer und bieten nach der Elektrifizierung die entsprechenden Service- sowie Wartungs- und Reparaturleistungen an. Dieses Beratungs- und Leistungspaket für unsere Kunden ist im Markt außergewöhnlich.

Können Sie schon etwas über die Nachfragesituation von Seiten Ihrer Kunden sagen?

Die Nachfragesituation ist sehr gut. Unser Vertrieb ist sehr aktiv, aber wir bekommen auch täglich direkte Anfragen. Daher müssen wir die Strukturen festlegen und aktiv alle Aufträge abarbeiten.

Das Interview führte Rainer Barck, Fachjournalist, München.

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