Digitalisierung: „RIO ist offen für alle“

Jan Kaumanns, CEO von RIO, der Digitalmarke innerhalb der Traton Group, erklärt, was er unter einer „Demokratisierung der Digitalisierung“ versteht, und warum das RIO-Geschäftsmodell gerade für KMUs interessant ist.

Foto: Tanja Schiefele
Foto: Tanja Schiefele
Redaktion (allg.)

Herr Kaumanns, wofür steht der Name RIO eigentlich?

Jan Kaumanns: RIO ist eine cloudbasierte Plattform, die alle Spieler aus dem Transportlogistikbereich in Realtime verbinden will. RIO ist im Spanischen und Portugiesischen der Name für Fluss. Die Logistik in Fluss zu halten, genau das ist unser Ziel. Wir wollen dabei mit der Plattform zukünftig nicht nur die Spediteure ansprechen, sondern auch die Verlader und 4PL. Unsere Plattform soll alle im Logistikprozess Beteiligten miteinander verbinden.

Welche technischen Voraussetzungen muss der Nutzer erfüllen, um RIO einsetzen zu können?

Voraussetzung ist die RIO-Box, die bereits seit 2017 in jedem MAN-Truck verbaut wird. Die Box ist aber auch fremdmarkentauglich und kann in jeden Truck, der eine FMS-Schnittstelle hat, eingebaut werden. Das ist uns ganz wichtig, weil wir ja alle Transportdienstleister mit ins Boot holen wollen.

Wie groß ist der Aufwand, die Boxen nachrüsten zu lassen?

Die RIO-Boxen kann man herstellerunabhängig in jeder MAN-Werkstatt zu einem Fixpreis einbauen lassen. Dieser Fixpreis, der alle Kosten für den Einbau beinhaltet, variiert dabei etwas von Land zu Land. Aber in der Regel ist das Ganze in einer halben Stunde erledigt.

Welche Kosten entstehen für den Nutzer der Dienste?

Jeder, der die Box bei sich installiert hat, hat Zugang zu kostenlosen Basisdiensten. Er kann dann entsprechende Upgrades auf unserem Marktplatz buchen. Dabei haben die Nutzer die Möglichkeit diese kostenpflichtigen Dienste erst einmal auszuprobieren. Auf unserem Marktplatz lassen sich die Services jeweils pro Truck und Tag buchen. Auf den Monat hochgerechnet fallen zwischen 5,00 und 13,00 Euro je Dienst an. Wenn der gebuchte Service dem Anwender nicht gefällt, kann er ihn nach ein paar Tagen wieder ausschalten und hat nur ein paar wenige Euro investiert. Wir sehen in diesem Konzept eine Art von Demokratisierung der Digitalisierung. Gerade kleinere Flotten können auf diese Weise allmählich an die digitale Welt herangeführt werden, ohne ein großes Risiko einzugehen.

Wer nutzt RIO heute bereits schon?

Wie schon erwähnt ist unser Ziel, Transporteure genauso wie Verlader und 4PL zu erreichen. Wir kommen allerdings aus der Truckherstellerwelt, sodass der Fokus im Moment noch stark bei den Spediteuren liegt. Denen bieten wir gezielt Services an, mit denen sie ihren Speditionsalltag optimieren können. Nach und nach wollen wir uns jedoch mit unseren Lösungen auch in Richtung der Verlader bewegen. Wir führen dazu schon konkrete Gespräche. Grundsätzlich ist RIO ja eine offene Plattform. Wir werden insbesondere in Hinblick auf die Verlader nicht jeden geeigneten Dienst selbst entwickeln, sondern wollen ganz bewusst auf das Know-how und die Lösungen von Partnern zurückgreifen. Das gilt aber grundsätzlich für das gesamte Konzept unser Plattform.

Was kann RIO gerade kleinen und mittleren Unternehmen konkret bieten?

Bei den kleineren und mittleren Transportdienstleistern und Spediteuren ist das zeitliche und monetäre Budget sehr begrenzt, wenn es um das Thema Digitalisierung geht. Deshalb haben wir bei RIO das Marktplatzkonzept, bei dem sich genau und einfach entscheiden kann, was zu einem passt. Wir haben beispielsweise Lösungen zur Kontrolle der Lenk- und Ruhezeiten im Angebot. Geo-Dienste und die Fahrerbewertung gehören ebenso zu den Basisservices, die für diese Klientel interessant sind.

Welchen Stellenwert hat bei RIO das Thema Subunternehmer?

Gerade mit unserem Marktplatzkonzept bieten wir eine ideale Lösungsplattform für Subunternehmermodelle. In der Zusammenarbeit mit Subunternehmern liegt derzeit ein Hauptgrund dafür, dass es in der Logistik mit der Digitalisierung noch nicht recht vorangeht. Wir werden in den nächsten ein, zwei Jahren effektive Tools und Bausteine zur Verfügung stellen, die diese Subunternehmerproblematik auflösen können.

Welche Rolle spielt RIO in der Traton Group?

RIO ist neben MAN, Scania und Volkswagen Caminhões e Ônibus die vierte Marke im Traton- Konzern. Wir sind die Digitalmarke innerhalb der Gruppe und wurden geschaffen, um vor allem die Fremdmarkenfähigkeit abzudecken. Denn wir beobachten, dass immer weniger Kunden markenreine Flotten betreiben. Genau für diese Anwender bieten wir die passenden, markenübergreifenden Lösungen. Wir gehen auf der anderen Seite nicht in Dienste hinein, die sehr fahrzeugspezifisch sind und beispielsweise nur einen MAN- oder Scania-Truck betreffen. Diese Lösungen bleiben weiterhin bei den Herstellermarken. RIO wird also immer dann interessant, wenn es um eine Gemischtflotte geht.

Hat sich durch die Börsenplatzierung von Traton für RIO etwas geändert?

Für das operative Geschäft hat sich dadurch erst einmal nichts geändert. Mittelfristig sehen wir große Chancen. Die Traton Group insgesamt hat natürlich jetzt mehr Freiheit erhalten. Gleichzeitig erhöht sich auch der Leistungsdruck. Das Ganze ist für unsere ambitionierten Ziele sehr förderlich.

Auch andere Lkw-Hersteller/Marken bieten ja zumindest ähnliche Lösungen wie RIO an. Worin unterscheidet sich RIO von diesen Angeboten?

RIO ist offen für alle. Das gilt zum einen für unsere Kunden. Denn wir richten uns sowohl an die kleinen und mittleren als auch an die großen Transportunternehmen. Gleichzeitig öffnen wir uns für Verlader und 4PL. Zudem sind wir offen für Partner auf unser Plattform. Rio entwickelt sich weiter, indem wir Kunden ganz genau zuhören und immer wieder neue Features zur Geschäftsoptimierung zur Verfügung stellen werden. Und RIO wächst. So werden wir im dritten Quartal 2019 in Lateinamerika live gehen.

Auf der RIO-Plattform gibt es Lösungen von Drittanbietern. Wie entscheiden Sie, wer dort mitmachen darf?

Es geht in erster Linie natürlich darum, welche Lösungen unsere Kunden weiterbringen. Da setzen wir derzeit die Prioritäten. Bei uns gilt generell das Prinzip der Coopetition. Wir nehmen also durchaus Lösungen anderer Anbieter mit auf die Plattform, die wir bereits in ähnlicher Weise selbst im Portfolio haben. Wenn diese Dienste nämlich nicht bei uns, sondern auf einer anderen stattfinden, würde uns das viel mehr wehtun.

Welche kurz- und mittelfristigen Ziele haben Sie sich für RIO gesetzt?

In den nächsten fünf Jahren wollen wir erreichen, dass unsere Plattform wirklich für alle an der Transportkette Beteiligten Lösungen bietet. In den kommenden zwei Jahren geht es vor allem darum, unser Partnerkonzept weiter auszubauen und damit das Lösungsportfolio zu erweitern. Zudem wollen wir dann die ersten Verlader als Kunden gewonnen haben.

Das Interview führte Torsten Buchholz, Chefredakteur der Zeitung Transport.

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