„Wir haben auch Elektro und Hybrid“: Interview mit Pierre Lahutte, Iveco

Pierre Lahutte, Iveco Brand President, erklärt, warum der Nutzfahrzeughersteller aktuell beim Antrieb vor allem auf Flüssigerdgas (LNG) setzt.

Pierre Lahutte, Iveco Brand President Bild: CINI INDUSTRIAL
Pierre Lahutte, Iveco Brand President Bild: CINI INDUSTRIAL
Redaktion (allg.)
INTERVIEW

Herr Lahutte, auf dem Iveco-Stand sehen die Besucher heuer keine Diesel-Modelle, sondern ausschließlich Nutzfahrzeuge mit Erdgas-Motoren. Hat sich Iveco nun mit Haut und Haar dem Erdgas-Antrieb verschrieben?

Man muss unterscheiden: was wirkt sofort auf die Umwelt und ist bezahlbar zum einen und zum anderen: Welche Konzepte haben langfristig Potenzial. Sofort positive Auswirkungen auf Global warming (CO2) und Luftqualität (Partikel, NOx) hat der Antrieb mit Methan (Erd-/Biogas). Deshalb haben wir – übrigens schon seit 20 Jahren – im ersten Schritt voll auf diese Lösung gesetzt. Natürlich haben wir auch Elektro (Busse, Transporter) und Hybrid (Busse) im Programm. Verkaufsfertig übrigens.

Erdgas in Form von flüssigem Erdgas (LNG) entwickelt sich gerade zum Renner bei den alternativen Antrieben im schweren Fern- und Nahverkehr. Was schätzen die Kunden besonders am Iveco-LNG-Lkw?

Der Unternehmer schätzt natürlich den circa 15 Prozent geringeren Verbrauch und die obendrein geringeren Kraftstoffkosten. Aber die Umweltkomponente wird immer wichtiger. Wer sofort was für seinen ‚grünen Fußabdruck‘ tun will, kommt um Methan nicht herum. Denn die Technik ist wirtschaftlich und sauber. Mit 1.600 km Reichweite hat Iveco einen echten Fernverkehrstruck inclusive aller Komfortmerkmale und elektronischer Assistenzsysteme. Mit Biogas im Tank ist man nahezu CO2-neutral unterwegs und hat keinen Nutzlastnachteil wie etwas bei E-Trucks. Zwar wiegen die Tanks etwas mehr, aber der Kraftstoff ist wesentlich leichter: für 1.600 km reichen 390 kg verflüssigtes Methan. Und last but not least sind die Autos in jede Flotte ohne Adaption integrierbar und sofort einsatzfähig.

Stichwort Stadtbusse: Auch hier hinkten deutsche Großgemeinden beim Thema alternative Antriebe und Elektrifizierung hinterher. Kann Iveco etwa mit seiner französischen Marke Heuliez jetzt schon kaufbare Lösungen für den Stadtlinienbus anbieten?

Ich kenne das Lamento, wonach es keine E-Busse gäbe. Wir jedenfalls sind insbesondere in Frankreich und Italien aber auch in Norwegen mit den Elektrobussen der Konzernschwester Heuliez schon in der Verkaufsphase. Mit einer dreistelligen Zahl sind wir im europäischen Maßstab sogar ganz vorne dabei. Im Frühjahr werden die ersten dieser Busse nach erfolgreichen Tests – sogar Wintertests – mit deutschen Nummernschildern fahren. Die Technik ist mittlerweile bewährt und wird den Einsatzprofilen des Stadtverkehrs gerecht. Wie bei allen neuen Technologien ist aber auch hier die Infrastruktur ein Problem. Bei den geforderten Strommengen reicht das bestehende Netz in aller Regel bei Weitem nicht aus und bedarf großer Investitionen.

Während in Italien, Spanien, Frankreich und England der Ausbau von LNG-Tankstellen schon weit fortgeschritten ist, hinkt Deutschland nach wie vor hinterher. Ist diese Zurückhaltung ein deutsches Phänomen?

Im europäischen Maßstab gibt es mehr, man kann sogar von einem ausreichenden Netz reden. Aber Deutschland ist hier leider noch ausbaufähig. Neben den beiden genannten ist mittlerweile Shell in Hamburg dabei, in Duisburg und Mannheim dauert es auch nicht mehr lange. Derzeit steigt der Erdölpreis aufgrund der Unwägbarkeiten in Nahost wieder stark und damit der Preisabstand zum Erdgas. Das und der Druck der Europäischen Union für eine bessere Umwelt werden auch im Transitland Deutschland die weißen Flecken sehr schnell verschwinden lassen.

Ihr Credo lautet ja sinngemäß: ‚Es ist besser, Nutzlast zu befördern als Batterien‘. Wo und für welche Gewichtsklassen und Einsätze sieht Iveco dennoch Vorteile beim E-Antrieb und was haben Sie da in der Pipeline?

Wir denken, dass die E-Mobilität bei kleinen Gewichten, Multistop- und Kurzstrecken eine Daseinsberechtigung hat. Mit dem Daily Electric sind wir da mit bis zu 5,2 Tonnen schon ganz gut dabei. Bei Bussen gehen die Uhren wieder ganz anders. Die kommunale Verantwortung gegenüber seinen Bewohnern nach sauberer Luft und Geräuscharmut passt auch zum Einsatzprofil von Bussen ganz gut. Mit der GX Baureihe von Heuliez sind wir auch da bereits in der Kommerzialisierung. Hybrid sehen wir aufgrund des Nachteils von zwei Triebsträngen (Gewicht und Preis) sowie drei Energietanks Betriebsstoffen (Diesel, Ad Blue und Strom) im Lkw-Bereich nur als ‚second best‘, bieten aber auch diese Technik sogar recht erfolgreich im Bussegment an.

Artikel „Wir haben auch Elektro und Hybrid“: Interview mit Pierre Lahutte, Iveco
Seite 9 | Rubrik FOKUS: Elektromobilität/Alternative Antriebe